Gereiztheit

Gereiztheit meint ein relatives „Überreagieren“ auf vermeintlich unverhältnismäßig kleine Reize, insbesondere Sinnesreize. Im Zustand der „Gereiztheit“ können z. B. vermeintlich schwache Geräusche in der Umgebung bereits zu vermeintlich unverhältnismäßig großen innerlichen und gegebenenfalls dann nach außen gerichteten Reaktionen führen.

Gereiztheit führt dazu, dass sich das betroffene Individuum von scheinbar wenig bedeutsamen Reizen „bedroht“ fühlt (Amygdala-Aktivierung) und mit „Fight“ reagiert, also aus den drei zur Verfügung stehenden Reaktionsmöglichkeiten bei potenzieller Bedrohung (Fight, Flight or Freeze) den „Fight“ wählt. Dadurch wirken gereizte Individuen auf ihre Umgebung (sub)-aggressiv. Dies wiederum hat zur Folge, dass entweder die Umgebung das gereizte Individuum „in Ruhe lässt“ oder im schlechteren Fall selber gegenaggressiv reagiert. Bedenkt man, dass Gereiztheit bei diversen psychischen und körperlichen Erkrankungen entstehen kann und dort den Zweck hat, das biologische System des Individuums vor zu vielen „zusätzlichen“ Anforderungen zu schützen, um die Energie auf die Bekämpfung der Erkrankung zu konzentrieren, wird auch der grundsätzliche „Sinn“ des Phänomens „Gereiztheit“ klar: Gereiztheit weist dann auf einen Zustand von „Überbelastung“ und „Überreiztheit“ hin. Zudem fordert der Zustand den Schutz vor (weiterer) Überbelastung zum Wohle der Gesundung und Gesundheit.

Neben diesen vorübergehenden und manchmal krankheitsbedingten Zuständen der „Gereiztheit“, die jeder Mensch mehr oder weniger schon einmal erlebt hat, finden wir eine Neigung zu Gereiztheit als Persönlichkeitsakzentuierung oder im Rahmen von Persönlichkeitsstörungen, also bei Individuen, die persönlichkeitsbedingt äußere Reize schneller als bedrohlich wahrnehmen (siehe narzisstische oder histrionische Persönlichkeiten). Hier setzen diverse psychotherapeutische Techniken an, die zum Ziel haben, die „Bewertung“ der vermeintlich bedrohlichen Außenreize relativieren zu lernen.